Lothar de Maizière

Lothar de Maizière übernimmt die Schirmherrschaft über die Forschungsgruppe Musikermedizin

De Maizière war vor seiner juristischen und politischen Laufbahn Musiker - und kennt die Nöte der Musiker aus eigener Erfahrung. Nach seinem Musikstudium 1958-1965 in Berlin im Fach Viola war er bis 1975 als Bratschist in verschiedenen Orchestern tätig - zuletzt im Rundfunksinfonieorchester Berlin. Gesundheitliche Probleme bewogen ihn, andere berufliche Perspektiven zu verfolgen. Nach dem Fernstudium an der Humbolt-Universität im Fach Jura arbeitete er zuächst als Anwalt. Der breiten Öffentlichkeit ist er als erster frei gewählter und damit letzter Ministerpräsident der DDR bekannt geworden - in dieser Funktion gestaltete er wesentlich die Deutsche Einheit mit.

Interview mit Lothar de Maizière
Lothar de Maizière ist Schirmherr der Forschungsgruppe Musikermedizin

Lothar de Maizière hat in seinem Leben vieles erlebt und gestaltet: er war vierzehn Jahre lang Bratscher in der Staatskapelle und im Rundfunksinfonieorchester Berlin, studierte Jura, arbeitete als Rechtsanwalt und war erster frei gewählter Ministerpräsident der DDR. Als Freund der Freiheit genießt er in der Öffentlichkeit hohes Ansehen. Wir freuen uns, dass er die Schirmherrschaft über die Forschungsgruppe Musikermedizin übernommen hat und sprachen mit Herrn de Maizière in Berlin.

Herr de Maizière, Erkrankungen des Bewegungsapparates gehören zu den Hauptbeschwerden von Berufsmusikern – was ist Ihre Erfahrung?

Der Bewegungsapparat spielte auch in meinem persönlichen Leben eine große Rolle. „Hören Sie auf, bevor Ihnen der Kalk aus der Hose rieselt“ lautete der ärztliche Rat an mich, bevor ich die Bratscherkarriere wegen Schulterproblemen beendete – ich kenne die Nöte der Musiker daher aus eigenem Erleben. Für Musiker sind Ärzte und Therapeuten gefragt, die die spezifischen Probleme kennen und Fingerspitzengefühl für die Patienten haben.

Wie beurteilen Sie die physische Belastung?
Musiker müssen auf den Punkt fit sein und auf die Millisekunde genau einsetzen - das gehört zum Beruf und erfordert höchste Konzentration. Und sie müssen diese Leistung am Abend erbringen, wenn unsere Leistungskurve eher auf Entspannung eingestellt ist. Die rein physische Belastung der Musiker ist zudem nicht zu unterschätzen.  So bekommen im dritten Akt der „Meistersinger“ von Wagner die Streicher - ich zitiere den Orchesterjargon - „zwei Stunden den Knüppel nicht vom Hals“ – das heißt, sie befinden sich 2 Stunden mehr oder weniger durchgehend in der spezifischen Spielposition. Da kommt es schnell mal zu Ermüdungen, Überlastungen und Verkrampfungen.

Welche Rolle spielen die Nerven?
Oistrach ist mir noch in lebhafter Erinnerung -  grün im Gesicht vor Aufregung war der berühmte Geigenvirtuose. Aber auch Orchestermusiker brauchen neben der Musikalität starke Nerven. Damals hieß es: „Nerven werden mitengagiert“ und es kursierte der Spruch „einer kann alles verderben“ - etwa in der rhythmisch kitzeligen Leonorenouvertüre. Wenn das Piano extrem - wir sagten damals „hysterisch“ - wird, steigt das Adrenalin ins Unermessliche. Hinzu kommt, dass für die Vorbereitung im Routinebetrieb manchmal sehr wenig Zeit ist.

Aus Gesprächen mit Musikern wissen wir, dass viele Ihre Beschwerden verheimlichen.

Aus Angst vor der Konkurrenz spielen viele Musiker auch unter Schmerzen weiter. Probleme werden gern verdrängt und zumindest im Kollegenkreis überspielt.  

Wie gehen Musiker dann mit den Beschwerden um?

Bei  Problemen des Bewegungsapparates kam es damals zu Behandlungs-Odysseen schmerzgeplagter Orchestermusiker: vom Hausarzt über das Institut für Arbeitsmedizin bis hin zu heimlichen Besuchen im bulgarischen Moorbad.

Welche anderen Probleme sehen Sie?

Viele Probleme sind meines Wissens noch wenig bekannt – zum Beispiel die der Blechbläser. Der Ansatz, also die reine Tonerzeugung mit den Lippen, kann schon durch geringe Veränderungen an den Zähnen verloren gehen. Kukident und Trompete zum Beispiel - das passt einfach nicht zusammen. Wenn ein Trompeter seine Zähne verliert, kommt er in größte Schwierigkeiten. Das letzte Pult oder ein Berufswechsel sind dann oft unausweichlich.

Wie kann man Musikern helfen?

Freude am Spiel und eine saubere Technik sind sicher die wichtigste Grundlage des Erfolges. Im Beruf angekommen muss dafür gesorgt werden, dass zwischen  Proben- und Konzerttermine ausreichend Zeit für Regeneration eingeplant werden.
Oft müssen Musiker aber auch vor sich selbst, vor Überlastung durch weitere private Engagements,  geschützt werden -  doch was tun, wenn lukrative Angebote locken? Ein Musiker, der sich freiwillig übernimmt, kann nur schwer gegen seinen Willen gebremst werden. Wenn es dann zu Beschwerden kommt, brauchen Ärzte Fachverstand und sind gleichzeitig als Seelsorger gefragt. In der DDR hatten Musiker hinter den Stahlarbeitern die zweithöchste Gruppe mit Früh-Berentung -  die Arbeitsmediziner sollten mit einer Extraabteilung für Musiker Abhilfe schaffen und Musikstudenten wurden vor Beginn des Studiums körperlich auf ihre Eignung für den Beruf untersucht. Ich begrüße daher, dass es Institutionen für Musikermedizin gibt und will helfen, die Öffentlichkeit für die Probleme der Musiker zu sensibilisieren.

Herr de Maizière,  vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!